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INGWER  PAULSEN  –  ZWEITKLASSIGER  KÜNSTLER,  ERSTKLASSIGER  NATIONALSOZIALIST  (03.2018)

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Ingwer Paulsen war einer der engagiertesten Nationalsozialisten in Nordfriesland. – 1964 anlässlich der ersten Nachkriegsausstellung im Husumer Nissenhaus heißt es: "Ingwer Paulsen galt in den zwanziger und dreißiger Jahren als Deutschlands bedeutendster Radierer"1 Und auch 1984, als die zweite offizielle Nachkriegsausstellung über Ingwer Paulsen eröffnet wird, heißt es: "Der bedeutendste Radierer der damaligen Zeit, nannte die Fachwelt Ingwer Paulsen."2 Doch insbesondere in den 1930er Jahren als einer der bedeutendsten Deutschen gegolten zu haben, ist alles andere als eine Auszeichnung. Die Fachwelt, die das behauptet, ist dieselbe, die sich vor allem durch einen radikalen Kahlschlag der Kultur ausgezeichnet hat. Ingwer Paulsen hat sich daran aktiv beteiligt. Ihren Ursprung hat diese Kultur in der antisemitischen sowie völkisch-nationalen Rhetorik der 1910er und 20er Jahre. Hier liegen die sprachlichen Vorbedingungen für die Führerhörigkeit der 30er Jahre, sodass man sich angesichts einer verbal überzogenen Größe bereitwillig in den Staub zu werfen gewillt war. Dies ist das Denken, was sich mit der Kunst von Ingwer Paulsen verbindet. Aus diesem Geist sind seine heimatlichen Radierungen entstanden. Paulsens friesische Bauernhäuser, die Wind und Wetter trotzen, sind Metaphern für den sich fügenden Menschen. Es ist eine Heimatkunst, die sich nach Fremdbestimmung sehnt.
       Die Verklärung seiner Person wird bis in die Gegenwart betrieben. Neben einer massiv ausgeprägten Verdrängungskultur sind dafür vor allem drei Publikationen verantwortlich, die das Bild von Ingwer Paulsen bis in unsere heutige Zeit hinein prägen. Um die Zusammenhänge aufschließen zu können, ist es zunächst notwendig, diese drei Publikationen vorzustellen:
       Da ist zunächst ein Beitrag von Prof. Hans W. Singer in "Die moderne Graphik, Leipzig, 1914. Das Werk zeigt einen Querschnitt der grafischen Produktion für den Zeitraum von 1880 bis 1910. Hier bescheinigt Singer dem knapp 30-jährigen Ingwer Paulsen lediglich das Potenzial, ein großer Künstler der Radierung werden zu können. Das hat Paulsen mit einem Großteil der über 70 anderen deutschen Radierer gemein, die in Singers Buch vorgestellt werden. In dem Vorwort zur zweiten unveränderten Neuauflage (1921) findet sich dazu der wörtliche Hinweis; denn es ist Singers Absicht, die eher unbekannten Radierer zu fördern, weswegen er auch meisterhafte Radierer und etablierte Künstler wie Hans Olde und andere gar nicht benennt. Ebenfalls im Jahr 1921 schreibt Singer das Vorwort zu einem Paulsen-Werkverzeichnis, das aber im Wesentlichen von seinem 1914 verfassten Originaltext geprägt ist, wenngleich seine letzten Worte hier unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs stehen. – Singers Kompendium "Die moderne Graphik" ist jedenfalls deshalb zu betonen, weil das Buch von großem kuratorischen Gespür zeugt; denn es lässt die Künstler anhand ihrer Eigenarten in Bezug zueinander treten, wodurch das gesamte Spektrum der Radierkunst mit allen Facetten deutlich wird. Hier spiegelt sich die Verantwortung des Historikers.
       Die zweite Publikation, die das Bild Ingwer Paulsens bis in die heutige Zeit hinein prägt, ist von Dr. Hans Timotheus Kroeber (Weimar) verfasst. Im Jahre 1919 wurde Kroebers Aufsatz über Paulsen publiziert in Westermanns Monatshefte, Ausgabe 751.3 Das, was Kroeber hier schreibt, ist eine inhaltsleere Glorifizierung nach völkisch verklärendem Ideal. Zum Vergleich: Singer stellt Paulsen noch in den Kontext seiner Zeit. Kroebers Publikation jedoch hebt Paulsen aus jeglichem Gegenwartszusammenhang heraus. Kroeber schafft eine künstliche Überhöhung, die in erschreckender Weise die nationalsozialistische Kunstwahrnehmung vorwegnimmt.
       Nach dem Zweiten Weltkrieg ist vor allem die Publikation von Prof. Adolf Möller zu nennen: "Ingwer Paulsen – Der Radierer Nordfrieslands", Husum, 1984. Möller ist ein alter Hausfreund Paulsens, der Anfang der 20er Jahre auf Paulsens Ziegelhof bei Friedrichstadt und dann auch später in Halebüll ein- und ausgeht. Nach Paulsens Tod im Jahre 1943 tritt Möller nicht nur als Paulsens Biograf in Erscheinung, sondern prägt auch sämtliche Ausstellungen bis 1984 maßgeblich mit.
       Dies ist also der Grundstock dessen, was als Quelle die Paulsen-Rezeption bis in die Gegenwart hinein bestimmt. Sowohl die bisherigen Ausstellungen als auch sämtliche Publikationen über Paulsen gehen auf seine aktive nationalsozialistische Vergangenheit sowie sein antisemitisches und völkisches Denken, das er bereits vor der NS-Zeit kultiviert hatte, nicht ein.4 Diese "Erinnerungslücke", die mit Paulsens Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg beginnt, soll nun geschlossen werden:

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01 Husumer Nachrichten vom 23.6.1968

02 Husumer Nachrichten vom 21.2.1984

03 So schreibt es Adolf Möller in "Ingwer Paulsen – der Radierer Nordfrieslands", Husum Verlag, 1984. Im Kreisarchiv NF liegt lediglich ein Sonderdruck des von Kroeber verfassten Textes vor, ohne Verlags- und Jahresangabe. Allerdings kann der Aufsatz anhand des Textinhalts mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf das von Möller angegebene Jahr datiert werden.

04 Vgl. Ulrich Kuder, Das Kunsthistorische Institut der Christian-Albrechts-Universität im Nationalsozialismus, in: Christoph Cornelißen, Carsten Mish (Hgg.), Wissenschaft an der Grenze. Die Universität Kiel im Nationalsozialismus, Essen: Klartext Verlag 2009, S. 253-276. Auch dort heißt es: "Zu Paulsen siehe Berend Harke Feddersen, Schleswig-Holsteinisches Künstler-Lexikon, Bredstedt 1984, S. 134-135. Adolf Möller, Ingwer Paulsen. Der Radierer Nordfrieslands, Husum 1984 und Claudia Bertling Biaggini, Ingwer Paulsen. Akt – Figur – Bewegung, Husum 2008 gehen auf Paulsens kunstpolitische Aktivitäten in den 20er und 30er Jahren nicht ein."

Vgl. auch Thomas Steensen mit einer ähnlichen Anmerkung in "Die Friesische Bewegung in Nordfriesland im 19. und 20. Jahrhundert", Wachholtz Verlag, 1986, Seite 376, Fußnote 51

Vgl. Claudia Bertling Biaggini in "Schobüll – eine Chronik in Geschichten und Bildern", Husum, 2014, Seite 338, Zitat: "Die niemals gründlich aufgearbeitete Zeit während des Krieges bleibt eine weiße Seite."