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VON ERNST CASSIRERS PHILOSOPHIE DER SYMBOLISCHEN FORMEN ZU DEN IMMANENTEN ZIELEN UNSERER KULTUR (11.2018)

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Ernst Cassirers Philosophie der symbolischen Formen definiert Kultur in den Kategorien von Sprache, Mythos und Kunst. Die geistige Tätigkeit, die der gemeinsame Nenner all dieser Wege ist, meint immer ein Beleben von Dingen und Phänomenen, die wir einerseits in der Natur vorfinden und dann in einer Weise wahrnehmen, die sich nicht mehr allein aus dem Vorgefundenen selbst ergeben kann. Andererseits ist es nicht nur die Deutung des Vorgefundenen, die für unsere Fähigkeit spricht, Dinge geistig zu beleben, sondern auch das aktive Erschaffen von künstlichen Zeichen und Symbolen, denen wir dann eine Bedeutung zukommen lassen.
       Cassirers Denken geht zunächst von einer aktiven Spontanität des Geistes aus, die es vermag, Momente von Dauer aus dem Fluss der Wahrnehmungserlebnisse herauszuheben. Der Philosoph Edmund Husserl meint in etwa dasselbe, wenn er in seiner Phänomenologie von „gelenkter Aufmerksamkeit“ spricht. Und in der Tat: Wir können unsere Konzentration zweifellos wandern lassen z. B. von einem Gegenstand hin zu einem Geräusch: von einem Stapel Bücher, der auf unserem Schreibtisch liegt, bis hin zu einer Unterhaltung, die im Nebenzimmer stattfindet. Besonders anschaulich drückt sich diesbezüglich der Maler David Hockney aus, der einmal in einem Interview behauptet hat, er könne ins Zentrum der der Milchstraße reisen. Er führte es vor, schloss die Augen und erklärte nach einem kurzen Augenblick des Innehaltens: „I’m back.“
       Diese Fähigkeit, die Aufmerksamkeit wandern zu lassen, sie auf Dinge bewusst auszurichten, die nicht trieb- oder instinktgesteuert von unseren momentanen (Über)lebensnotwendigkeiten gefordert werden, ist Grundlage aller geistigen Aktivität. Zum Vergleich: Ihr gegenüber steht die sinnliche Passivität. Sie meint das Eintauchen in den Fluss der Wahrnehmungserlebnisse – ein Zustand, in den wir uns hineinfallen lassen. Anders als die tierische Existenz, dessen Überleben weitestgehend durch zuträgliche oder schmerzliche Erfahrungserlebnisse konditioniert wird, können wir Menschen uns bewusst in zivilisatorische Räume begeben, welche die schmerzlichen Aspekte aus dem Wahrnehmungsfluss herauszuhalten suchen. So haben wir auch die sinnliche Passivität kultiviert. Sie zeigt sich in einer Kultur des Genusses, des Rausches oder der Wellness im Allgemeinen. Sie steht dem eigentlichen Kulturbegriff fundamental entgegen und wird gleichsam von ihm überschattet; denn erst durch jenen Kulturbegriff, der von einer geistigen Spontanität ausgeht, wird auch die Kultur des Genusses überhaupt erst zu einer gestaltbaren Möglichkeit, wie sich noch zeigen lässt.

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